Eröffnungsrede der Vernissage „Let’s talk – reden und reden lassen“ im Stadtteilladen

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Dr. Bertram Kaschek war von 2003 bis 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunst- und Musikwissenschaft der TU Dresden. Er arbeitet derzeit am Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden an einem Forschungs- und Ausstellungsprojekt über den Fotografen Christian Borchert (1942-2000).

Dr. Kaschek eröffnete am 2. Juni 2018 die Vernissage „Let’s talk – reden und reden lassen“ des Projekts „People in Dresden/Leute in Dresden“

Die hier und heute zu eröffnende Ausstellung im Stadtteilladen Löbtop e.V. präsentiert Bilder und Texte des Projekts „People in Dresden“ aus den vergangenen zwei Jahren. Doch obwohl es sich um die erste Ausstellung des Projekts handelt, kann man sicher nicht behaupten, dass die Resultate jahrelanger Arbeit jetzt erstmalig einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt werden. Vielmehr ist es so, dass das Projekt vom ersten Tag an in der medialen Öffentlichkeit, genauer gesagt bei Facebook (und etwas später auch bei Instagram), präsent war und jeden Tag weitaus mehr Leute erreicht hat als heute Abend hier zu dieser Eröffnung gekommen sind oder noch kommen werden. Die Funktion dieser Ausstellung wird also nicht in erster Linie darin bestehen, die unermüdliche Aktivität von „People in Dresden“ den anderen Dresdnern überhaupt erst bekannt zu machen, sondern vielmehr darin, der virtuellen Omnipräsenz von „People of Dresden“ auf Computerbildschirmen und Smartphones für gut vier Wochen einen zwar relativ kleinen, dafür aber sehr konkreten Anker in der analogen Wirklichkeit zu geben – einen Anker, der es – zumindest heute Abend – auch erlaubt, sich davon zu überzeugen, dass sowohl die Macher der Facebook-Seite als auch die dort vorgestellten „Leute aus Dresden“ auch tatsächlich existieren, dass man sie treffen und mit ihnen ins Gespräch über ihre je ganz eigenen Geschichten kommen kann. Man kann hier und heute also erfahren, dass es sich bei „People in Dresden“ nicht – wie von paranoiden Trollen oft und gerne behauptet – um eine propagandistische Täuschungsmaschinerie handelt, die den Facebook-Usern frei erfundene Lügengeschichten unterbreitet.

Doch worum handelt es sich bei „People in Dresden“ nun eigentlich? Da vermutlich die meisten der hier Anwesenden mit der Facebook-Seite vertraut sind, erübrigt sich die Beantwortung dieser Frage eigentlich. Ich möchte nichtsdestoweniger ein paar Stichworte und Gedanken vortragen, um die Bedeutung und Relevanz des Projektes besser kenntlich zu machen. Gegründet wurde es im Januar 2015 von der amerikanischen Austauschstudentin Sophie Logan – zunächst unter dem Namen „Humans of Dresden“ –, um der grassierenden Fremdenfeindlichkeit in Gestalt von Pegida ein Zeichen der Reflexionsbereitschaft und des Empathievermögens entgegenzusetzen. Die Grundidee war ganz einfach und wurde vom 2010 gegründeten Photoblog „Humans of New York“ übernommen: Jeden Tag sollte ein Mensch aus Dresden mit einem Bild (genauer: mit einem Porträt) und einem Text (genauer: einem Statement über sich selbst oder über die Welt) bei Facebook vorgestellt werden, so dass sich wie in einem unabschließbaren Mosaik Stück für Stück ein komplexes Bild der unabsehbaren Vielfalt der in Dresden lebenden Menschen ergeben sollte. Dieses Vorhaben wurde von Robert Löbel, der von Anfang an die Fotos gemacht hat, sowie von Sandra Mendez und Jessica Buskirk, die nach dem Weggang der Gründerin Sophie Logan die Interviews übernommen haben, bis zum heutigen Tag fortgeführt – seit nun fast genau zwei Jahren unter dem Namen „People in Dresden“ (die Ausstellung ist also auch so etwas wie eine Geburtstagsfeier).

„People in Dresden“ verbindet Bilder mit Texten, d.h. Porträts mit Selbstauskünften der Dargestellten. Dabei kommt es entscheidend auf diese Kombination an, auf die Kopplung bildhaft-sichtbarer und lesbarer Information. Zwar können die Bilder auch ohne die dazugehörigen Aussagen angesehen oder die Geschichten ohne die dazugehörigen Fotografien gelesen werden, doch ergibt sich die spezifische Wirkung die ein People in Dresden-Post bei Facebook entfaltet aus dem Zusammenspiel der beiden aufeinander bezogenen Elemente. Hier wird Leuten ein Gesicht und zugleich auch eine Stimme gegeben.

Die Verbindung von fotografischem Porträt und Text lässt an Konrad Hoffmeisters Arbeit „Ansichten von Deutschland“ aus der Zeit der deutschen Wiedervereinigung denken, einen Zyklus von rund 150 fotografischen Porträts, in dem die Porträtierten jeweils eine Tafel mit einem selbstgeschriebenen Statement zur Lage der Nation und/oder zur eigenen Befindlichkeit halten. Bereits hier wird in einem zukunftsfrohen und zugleich krisenhaften Moment der deutschen Geschichte mit Mitteln von Fotografie und Sprache versucht, gesellschaftliche Fragen zu bearbeiten.

In geweiteter fotohistorischer Perspektive schreiben sich „People in Dresden“ zudem in eine bedeutende Tradition fotografischer Porträtkompendien ein, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Der Hamburger Fotograf Hermann Biow legte in den 1840er Jahren eine fotografische Sammlung von „hervorragenden Persönlichkeiten“ an und fotografierte auch die Parlamentarier der ersten deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche. Auch sein Münchner Kollege Fanz Hanfstängl legte wenig später ein „Album der Zeitgenossen“ an – wiederum vor allem mit prominenten Persönlichkeiten. Diese Projekte tragen unverkennbar die Züge eines bürgerlich-republikanischen und zugleich nationalgesinnten Zeitalters. Im 20. Jahrhundert ist es dann August Sander, der zunächst in seinem Buch „Antlitz der Zeit“ 1929 und dann in seinem enzyklopädischen Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ versucht hat, die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite mittels fotografischer Porträtaufnahmen darzustellen. Dabei ging es Sander nicht zuletzt um eine sozialständische Erfassung und Zuordnung – die fotografierten Individuen sollten als Typen repräsentativ für eine bestimmte Schicht oder eine bestimmte Klasse einstehen. Gesellschaft wird bei Sander also als ein weitgehend statisches Ordnungsgefüge verstanden und dementsprechend fotografisch verbildlicht – und das in den 1920er Jahren als dieses hergebrachte Gefüge längst in Auflösung befand.

Dieser Sandersche Anspruch, eine sytstematisch geordnete Struktur abzubilden, liegt den Machern von „People in Dresden“ denkbar fern. Denn dem Projekt geht es nicht um einen vorab festgelegten Typenkatalog, der dann fotografisch und mit Interviews einfach abzuarbeiten wäre. Vielmehr verfolgen sie ein offenes Konzept, das ohne jede Hierarchie auskommt und bereit ist, Zufälle aller Art in sich aufzunehmen. Im Hinblick auf fotogeschichtliche Vorläufer könnte man hier etwa an jene Aufnahmen denken, die Christian Borchert in den 1970er Jahren in Ungarn, Rumänien und der Slowakei gemacht hat, als er mehr oder minder willkürlich ausgewählte Leute auf der Straße spontan ansprach (bzw. ihnen einen in die Landessprache übersetzten Zettel überreichte), um sie zu fragen, ob sie bereit wären, sich von ihm fotografisch porträtieren zu lassen. Das Einverständnis der Fotografierten, das diese durch ihren Blick in die Kamera bestätigen sollten, war ein zentrales Moment seiner Aufnahmen.

Eine solche Ethik der Begegnung und des Einverständnisses ist auch ein Kernelement der Arbeit von „People in Dresden“. Denn zunächst geht es darum, raus auf die Straße zu gehen, Leute anzusprechen und auf deren spontane Reaktionen selbst wieder spontan zu reagieren. Insofern handelt es sich bei den Interviews und fotografischen Porträts nicht nur um Darstellungen individueller Charaktere, sondern um Aufzeichnungen von immer neuen Begegnungen, in denen diese Bilder entstehen und die Geschichten erzählt werden. Bilder und Geschichten zeugen vom Vertrauen, das innerhalb weniger Augenblicke gewonnen werden muss, damit sich die Leute öffnen, um andere an ihrem Leben, an ihren Sorgen und Hoffnungen teilhaben zu lassen. Auch wenn also die Macher der Seite selbst im Hintergrund bleiben, ihre Stimmen und ihre Gesichter kaum je in Erscheinung treten, sind sie – vermittelt durch ihr jeweiliges Gegenüber – stets mit anwesend.

Dem Selbstverständnis nach ist „People in Dresden“ kein künstlerisches Projekt, sondern eines mit einem primär gesellschaftlich-diskursiven Anspruch, der von der Hoffnung lebt, dass die Menschen vielleicht bereit sind, für Momente ihre eigene Blase zu verlassen und andere, mitunter auch sehr fremde Lebensentwürfe zur Kenntnis zu nehmen. Das heißt jedoch nicht, dass Fragen von Ästhetik und Form hier keine Rolle spielen würden. Ganz im Gegenteil. Gerade wenn man Ansichten und Geschichten von Menschen an andere Menschen vermitteln und zum zivilisierten Austausch einladen möchte, gilt es zunächst, Interesse zu wecken – eben mit Mitteln der Form, was für Fotos und Texte gleichermaßen gilt. Die souverän komponierten Porträts, oft aus leichter Distanz mit längerer Brennweite aufgenommen, so dass der Hintergrund zwar leicht unscharf erscheint, aber dennoch erkennbar bleibt, simulieren für den Betrachter am Bildschirm (oder hier in der Ausstellung), jene Begegnungen, die zum Bild wie auch zur erzählten Geschichte geführt haben. Oft haben die Porträtierten das Interview bereits hinter sich, manchmal steht es ihnen noch bevor. In jedem Fall aber zeigen die Bilder Menschen, die bereit sind, aus der Deckung zu gehen, sich zu öffnen, etwas von sich preiszugeben, sich zur Disposition zu stellen. So erzeugen sie bei den Betrachtenden die notwendige Neugier auf ihre Geschichten, die, bevor sie als zu lesender Text erscheinen, von der Audio-Datei transkribiert, editiert und übersetzt werden müssen. Die Geschichten sind mal länger und mal kürzer, mal traurig und mal unbeschwert, mal wütend und mal versöhnlich – hier gilt es stets, in der Abfolge der einzelnen Tage den richtigen Rhythmus zu finden, um die Facebook-Freunde von „People in Dresden“ bei Laune zu halten und das Interesse nicht erlahmen zu lassen.

All dies bedeutet unendlich viel Arbeit und kostet das Team von PiD sehr viel Lebenszeit und Kraft, die es vielleicht dann und wann gerne für angenehmere Dinge als für die nie endende, ungewisse Jagd nach Interviews oder die mühsamen Prozesse des Lektorats und der Bildbearbeitung verwenden würde. Vielleicht aber, und das ist sicher die Hoffnung aller hier Anwesenden, ziehen die Macherinnen und der Macher die nötige Energie zum Weitermachen aus dem Umstand, dass die Bilder und Geschichten, die sie uns bieten, keineswegs als abgeschlossene Vergangenheitskapseln einfach nur ins digitale Archiv wandern, sondern in die analoge Zukunft ausstrahlen. Denn noch bewegender als Bilder und Geschichten auf Facebook, sind die Geschichten, die sich daran anschließen, die sie fortschreiben und die erzählte Geschichte in ein neues, offenes Geschehen überführen. Dann nämlich, wenn sich Menschen über diese virtuelle Plattform kennenlernen und dann gemeinsam ein Stück Zukunft gestalten. Von daher wünsche ich mir, dass Ihr Euer Ethos und Euern Elan beibehaltet und uns auch weiterhin mit Euern Bildern und Geschichten beschenken werdet! Dresden braucht Euch!